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                       Wenn wir nicht länger Angst vor unseren Ängsten haben,
         sondern unsere Ängste liebevoll annehmen,
       fangen die Schatten an, sich zu verflüchtigen.
              Und alles was dann bleibt ist
LICHT.
                              Paul Ferrini 
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   Gottes Engel kommen im     
       Verborgenen  zu uns.
      James Russell Lowell
              
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                                             Die Engel Geschichte

Jedes Mal, wenn ein gutes Kind stirbt, kommt ein  Engel  Gottes zur  Erde  hernieder, nimmt das tote Kind auf seine Arme, breitet die  großen, weißen  Flügel  aus und pflückt eine ganze Handvoll Blumen, die er  zu Gott  hinaufbringt, damit  sie  dort noch  schöner als auf der Erde blühen. Gott  drückt  sie  dort an sein Herz, aber  der  Blume, die ihm  die  liebste ist,  gibt er einen  Kuss,  und   dann  bekommt  sie   Stimme  und  kann   in  der  großen  Glückseligkeit mitsingen.

Sieh, alles dieses erzählte ein  Engel Gottes, während er ein totes Kind zum Himmel forttrug, und das Kind hörte wie im Traume; sie  flogen über  die Stätten in der Heimat, wo das  Kleine gespielt  hatte, und  kamen  durch Gärten mit herrlichen Blumen.

"Welche wollen wir nun mitnehmen und in den Himmel pflanzen?" fragte der Engel.

Da  stand  ein  schlanker, herrlicher  Rosenstock,  aber   eine  böse Hand hatte  den  Stamm abgebrochen, so dass alle Zweige, voll von großen, halb  aufgebrochenen  Knospen, vertrock- net rundherum hingen. "Der arme Rosenstock!" sagte das Kind. "Nimm ihn, damit er oben bei Gott zum Blühen kommen kann!"

Und der  Engel  nahm  ihn,  küsste das  Kind dafür, und  das  Kleine öffnete  seine Augen zur Hälfte. Sie pflückten von den reichen Prachtblumen, nahmen aber  auch die verachtete Butter- blume und das wilde Stiefmütterchen.

"Nun haben  wir Blumen!" sagte das  Kind, und  der  Engel nickte, aber er flog noch  nicht  zu Gott empor. Es war Nacht und  ganz still; sie  blieben in der  großen Stadt und  schwebten in einer der schmalen Gassen  umher, wo Haufen  Stroh und  Asche lagen; es  war  Umzug  ge- wesen. Da  lagen  Scherben von Tellern, Gipsstücke, Lumpen  und  alte  Hutköpfe, was  alles nicht gut aussah.

Der  Engel zeigte in  allen  diesen Wirrwarr hinunter auf  einige Scherben eines Blumentopfes und auf einen Klumpen Erde, der da herausgefallen war. Von den Wurzeln  einer  großen ver- trockneten Feldblume, die nichts taugte und  die man deshalb  auf die Gasse geworfen hatte, wurde er zusammengehalten.

"Diese nehmen wir mit!" sagte der Engel. "Ich werde dir erzählen, während wir fliegen!"


Sie flogen, und der Engel erzählte:
"Dort  unten  in  der schmalen  Gasse, in  dem  niedrigen  Keller,  wohnte  ein armer, kranker Knabe. Von  seiner  Geburt an  war er immer bettlägerig  gewesen;  wenn es  ihm am besten ging, konnte er  auf Krücken  die kleine  Stube  ein  paar Mal auf und  nieder gehen, das  war alles. An einigen Tagen im Sommer fielen die  Sonnenstrahlen während einer  halben  Stunde bis in den Keller  hinab,  und  wenn  der  Knabe  da saß und sich  von der warmen Sonne be- scheinen ließ und das rote  Blut durch seine  feinen  Finger sah, die er  vor das Gesicht hielt, dann hieß es:

'Heute ist er aus gewesen!'

Er kannte den Wald in seinem herrlichen Frühjahrsgrün nur dadurch, dass  ihm des Nachbars Sohn den  ersten  Buchenzweig brachte, den  hielt er über seinem Haupte und  träumte dann unter Buchen zu sein, wo die  Sonne scheint und  die Vögel singen. An  einem Frühlingstage brachte  ihm  des  Nachbars  Knabe  auch  Feldblumen und  unter   diesen  war  zufällig  eine Wurzel, deshalb wurde sie in  einen Blumentopf  gepflanzt und  am Bette neben  das Fenster gestellt. Die Blume war  mit einer  glücklichen Hand  gepflanzt, sie wuchs, trieb  neue Zweige und trug jedes Jahr ihre Blumen; sie wurde  des kranken  Knaben  herrlichster Blumengarten, sein kleiner Schatz hier auf Erden; er begoss und pflegte sie  und sorgte  dafür, daß sie jeden Sonnenstrahl, bis zum letzten, der durch das niedrige Fenster hinunterglitt, erhielt; die Blume selbst verwuchs  mit seinen  Tränen, denn  für ihn  blühte sie,  verbreitete  sie  ihren Duft  und erfreute das Auge; gegen sie wendete er sich im Tode, da der Herr ihn rief. Ein Jahr ist er nun bei Gott gewesen, ein Jahr hat  die Blume vergessen  im Fenster  gestanden und  ist  verdorrt und wurde deshalb beim Umziehen hinaus auf  die  Straße geworfen. Und  dies ist die Blume, die vertrocknete Blume, die  wir mit  in unsern  Blumenstrauß genommen  haben, denn  diese Blume hat mehr erfreut als die reichste Blume im Garten einer Königin!"

"Aber woher weißt du das alles?" fragte das Kind, das der Engel in den Himmel trug.

"Ich weiß es",  sagte der  Engel,  "denn  ich  war  selbst  der kleine,  kranke  Knabe, der  auf Krücken ging; meine Blume kenne ich wohl!"

Das Kind öffnete seine Augen ganz und sah in des  Engels  herrliches, frohes  Antlitz  hinein, und im selben Augenblick befanden sie sich in Gottes Himmel, wo Freude und Glückseligkeit waren. Gott drückte das tote Kind an sein Herz, und da bekam es Schwingen wie der  andere Engel und flog Hand in Hand mit ihm. Gott drückte alle Blumen an  sein  Herz, aber die arme  verdorrte Feldblume küsste er, und sie erhielt Stimme und sang mit allen Engeln, welche Gott umschwebten, einige ganz nahe, andere um diese herum in großen Kreisen und immer weiter fort in das Unendliche, aber alle gleich  glücklich. Und alle sangen sie, klein  und  groß, samt dem guten, gesegneten  Kinde   und   der  armen  Feldblume,  die  verdorrt  dagelegen  hatte, hingeworfen in  den  Kehricht des  Umziehtages, in der  schmalen, dunklen  Gasse.

Hans Christian Andersen (1805-1875)
  

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